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19.02.2014:

Preisexplosionen bei Rohstoffen und Energie gefährden Lieferfähigkeit des Produzierenden Gewerbes

Explodierende Rohstoffpreise setzen die Oberflächentechnik als Schlüsseltechnologie des Produzierenden Gewerbes wie schon 2008 unter enormen Druck und drohen, die Margen der mittelständischen Unternehmen aufzufressen

 

Explodierende Rohstoffpreise setzen die Oberflächentechnik als Schlüsseltechnologie des Produzierenden Gewerbes wie schon 2008 unter enormen Druck und drohen, die Margen der mittelständischen Unternehmen aufzufressen

Die Oberflächentechnik kommt heute in nahezu allen Segmenten des Produzierenden Gewerbes zum Einsatz. Kein Auto verlässt das Band, bei dem nicht wesentliche Teile oberflächenveredelt sind. Der Maschinenbau und die Medizintechnik ist ohne Verfahren der Oberflächentechnik nicht denkbar, ebenso doe Bauwirtschaft und Sanitärindustrie, die Elektrotechnik und die Elektronikindustrie, die Luft- und Raumfahrtindustrie. Auch die Uhren- und Schmuckindustrie kommen ohne Oberflächenveredelung nicht aus. 

Informationen zu den Grafiken:

1) Kupfernotierungen 1.1.2010-26.04.2011, Quelle: LME

2) Zinnnotierungen 1.1.2010-26.4.2011, Quelle:LME

 

Oberflächentechnik verbessert Einsatzfähigkeit von Produkten

In der Oberflächentechnik wird die Oberfläche eines Grundmaterials mit Hilfe spezieller Verfahren verändert, um definierte Eigenschaften für viele Anwendungsbereiche zu schaffen und somit Qualität und Einsatzfähigkeit eines Produktes zu beeinflussen oder sogar erst zu schaffen. Als Beispiele seien Korrosionsbeständigkeit, Verschleißfestigkeit, Reibungsverhalten sowie elektrische, thermische und optische Eigenschaften genannt.

Damit hat die Oberflächentechnik Einfluss auf Funktionalität und Lebensdauer, aber auch auf das Design und nicht zuletzt die Herstellkosten eines Produktes. Durch die Ausnutzung physikalischer Eigenschaften speziell dünner Schichten konnten Innovationen realisiert werden, wie zum Beispiel Solarzellen.

Die Oberflächentechnik als Schlüsseltechnologie trägt somit ganz entscheidend zur Lieferfähigkeit des Produzierenden Gewerbes bei. Diese aber ist nun in ernsthafter Gefahr.

Margen der mittelständischen Unternehmen in der Oberflächentechnik werden durch die explodierenden Rohstoff- und Energiepreise aufgefressen

In den letzten Jahren sind durch die politische Lage in Förderländern natürlicher Ressourcen Verknappungen bei bestimmten Rohstoffen entstanden. Eine erhöhte Nachfrage aus Asien, insbesondere aus China und Indien, verstärkte diese Unterdeckungstendenzen noch. Die sich daraus ergebenden Preissteigerungen machen auch vor der deutschen Oberflächentechnik nicht halt.

Gemessen am HWWI-Index (HWWI = Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut) haben sich die Weltmarktpreise für Rohstoffe und Rohöl von Anfang 2010 bis heute um 38 % erhöht.

In Abhängigkeit vom Ölpreis verhält es sich mit Preissteigerungen bei allen, auf Rohöl basierenden Produkten. Das führt zu ständig steigenden Rohstoff-Tages- bzw. Wochenpreise, höheren Energiekosten und einer ölabhängigen Verteuerung von Seefrachten und Mautgebühren. 

Stark gestiegene Metallpreisnotierungen belasten in erster Linie die deutsche Galvanotechnik, eines der wichtigsten Segmente innerhalb der Oberflächentechnik. So stieg der Preis für Kupfer seit Januar 2010 um 21 %, der für Zinn gar um 75 %. Nickel verteuerte sich in den letzten 18 Monaten um 36 %, Paladium um 31 %.

Doch nicht nur die hohe Nachfrage, auch nationalistische Tendenzen der Förderländer tragen zur Preisexplosion bei. So hat China den Ausfuhrzoll für Hypophosphit - einem Ausgangsprodukt u.a. für die Chemische Vernickelung erheblich angehoben. 

 

Prognose verspricht keine Entspannung

Die Analyse der einschlägigen Prognosen verspricht keine Entspannung bei den hohen Rohstoffpreisen. Nicht nur der Preis für Rohöl wird weiter steigen, auch bei für die Oberflächentechnik essentiellen Basisstoffen wie Chromsäure, Chromchemikalien, Alkohole, Ethylene und Propylene und deren Folgeprodukte werden weiter steigende Preise in den kommenden Jahren erwartet. 

 

Marktunterdeckung bei Chromerz verteuert alle Chromchemikalien

Ausgangsstoff für alle Chromchemikalien ist das Chromerz (Chromeisenstein). Außer für die Produktion von Chromchemikalien wird dieser Rohstoff auch für die Produktion von Edelstählen benötigt, welche z.Zt. in China in gestiegenem Maß nachgefragt werden.

Für das laufende Jahr ist eine weltweite Marktunterdeckung von ca. 750.000 Tonnen für diesen Rohstoff prognostiziert. Dementsprechend ist der Weltmarktpreis in den letzten 15 Monaten gestiegen, eine weitere Steigerung wird erwartet.

Ein weiterer strategischer Rohstoff in der Chromchemikalienproduktion ist die Schwefelsäure. Zusätzlich zu dem ohnehin schon höheren Preisniveau für diese Säure aufgrund des stark gestiegenen Schwefelpreises ist der wachsende Bedarf an Schwefelsäure im Bergbau mitverantwortlich.

Das hohe Preisniveau ist die eine Seite, aber auch die Verfügbarkeit ist hierdurch begrenzt.

Zur Herstellung aller Chromchemikalien ist ein hoher Energieaufwand notwendig, in verschiedenen Schritten sind Röstverfahren und Schmelzen unumgänglich, auch müssen teilweise enorme Wassermengen verdampft werden. Die benötigte Energie wird in Form von Gas oder elektrischer Energie eingesetzt, deren gestiegenes Preisniveau ist hinreichend bekannt. Die Preisentwicklungen von Rohstoffen und Energie schaukeln sich dadurch gegenseitig auf.

Ferner sollten auch „kleinere“ Preisfaktoren wie die Kosten für Verpackung und Transport nicht unerwähnt bleiben. So muß z.B. der Bedarf an Stahl als Verpackungsmaterial berücksichtigt werden. Chromchemikalien werden mittlerweile ausschließlich außerhalb Europas produziert und haben somit einen Transportweg von 6.000 – 7.500 km hinter sich, womit auch die Kosten für den Transport eine nicht unerhebliche Relevanz haben.

 

Preissituation bei Chromchemikalien

Chrom in metallischer Form wird besonders in der Rüstungsindustrie in erhöhtem Maß benötigt, hier hat die Verfügbarkeit eine höherer Priorität als der Preis. Zur Herstellung von Chrommetall wird überwiegend Chromoxid verwendet. Ein Vorprodukt hierzu ist Natriumdichromat, aus welchem u.a. auch Chromsäure hergestellt wird.

 

Erdbeben in Japan hat Auswirkungen auf Preise

Das schwere Erdbeben in Japan hat auch einen direkten Einfluss auf Rohstoffpreise. Jedoch fehlen noch detaillierte Zahlen. In den nächsten 12 Monaten erwarten Analysten bei einigen Rohstoffen, die gerade in der Lackindustrie verwendet, einen erheblichen Rohstoffmangel. 

Wenngleich die Unternehmen der Oberflächentechnik – Lieferanten wie Beschichter – mit unterschiedlichen Strategien die enormen Preissprünge zu kompensieren versuchen, werden Preisanpassungen in der gesamten Lieferkette der Oberflächentechnik unumgänglich sein, zumal auch der ordnungspolitische Rahmen für die Oberflächentechnik manche Hürden bereit hält.

Die Europäische Chemikalienverordnung REACH ist zum 01.Dez.2010 in Kraft getreten. Der mit REACH verbundene bürokratische Aufwand ist für die in unserer Branche alleine nicht zu bewältigen. Nahezu jeder Zulieferer von galvanotechnischer Verfahrenschemie hat mindestens eine Person für das Thema REACH abstellen oder neu einstellen müssen. Trotzdem wird kaum ein Betrieb ohne zusätzliche externe Beratungsleistung auskommen können. Dieser personelle und finanzielle Aufwand geht wie der exorbitante Rohstoffpreisanstieg zu Lasten der Unternehmensergebnisse und steht damit z.B. für Forschung und Entwicklung nicht zur Verfügung.

An dieser Stelle muss noch einmal erwähnt werden, dass die Beschichter als nachgeschaltete Anwender nicht direkt für die Vor-/Registrierung von Stoffen verantwortlich sind. Nach Gesprächen mit unseren Prozesschemikalienlieferanten ist davon auszugehen, dass die in galvanotechnischer Prozesschemie eingesetzten Stoffe vorregistriert und später registriert werden. Dennoch muss die Vorregistrierungsphase zunächst abgewartet werden, um die künftige Verfügbarkeit aller in der Galvanotechnik eingesetzten Stoffe abschließend beurteilen zu können.